Geht es abwärts mit New York?

Hier werden alle Themen rund um den "Big Apple" besprochen.
Marion
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Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Marion »

Gerade lese ich einen interessanten Tweet vom aktuellen Bürgermeister de Blasio (https://twitter.com/NYCMayor/status/1173403300663910401):
New York City has better schools, less crime and more jobs today than we ever did when you were in office.
New Yorkers quit buying your act decades ago — and the rest of the country wasn’t far behind.
als Antwort auf einen Tweet von Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani:
The Democratic protective media will never tell you this is what happens in cities run by Progressives (Retrogressives)! They know it and they see it, DiBlasio is an embarrassment even to them, but they’ll never admit it!
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In den letzten Jahren war ich ja nicht mehr oft in New York. Wie empfindet ihr das? Ist die Stadt dreckiger, ungemütlicher, unsicherer geworden? In den Kommentaren habe ich gelesen, dass z. B. die Sauberkeit der Subway total nachgelassen hat. Mein Eindruck war ja immer eher, dass New York bis zur Unkenntlichkeit gentrifiziert wurde und inzwischen Disneyland ähnelt und nichts mehr mit dem rauen, kantigen Ort zu tun hat, den ich vor 25 Jahren kennengelernt habe.

Wobei, wenn ich so darüber nachdenke, ist mir schon aufgefallen, dass z. B. die Obdachlosigkeit wohl sehr zugenommen hat.
Hawkeye
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Hawkeye »

Puhh schwierig.

Die Subway ist auf jedenfall ein Thema. Abgesehen vom Dreck ist sie halt technisch völlig überholt und geht den Bach runter. Hier wurde mit Sicherheit zu wenig investiert und, abgesehen von ein zwei "Objekten" wie Hudson Yards, nur "geflickschustert". Und das merkt man dann halt auch.

Obdachlosigkeit ist auch ein großes Thema geworden, aber interessiert halt nicht wirklich jemanden. Du fällst in Amerika halt einfach durchs Raster wenn du es dir nicht leisten kannst. Und die Menschen denen das passiert sind auch in New York mehr geworden. Von daher, mit Einschränkung, ein Hoch auf unser Sozialsystem.

Gentrifizierung und Disneyland waren über die Jahre nicht aufzuhalten und von dem New York das Anno 2000 kenngelernt hab ist immer weniger übrig geblieben. Das das irgendwann dazu führt das New York den Bach runter geht glaub ich zwar nicht, aber es sind halt so einige Dinge, Plätze und Läden die für mich einfach "New York waren" nicht mehr da und das finde ich schon traurig. Und führt bei mir persönlich auch dazu das ich nicht mehr ganz so "New York verrückt" bin wie ich es einmal war. Die Stadt hat einfach zuviel von ihrem "Charme" und das was sie für mich ausmachte, verloren.

Auf der anderen Seite hasse ich es Rudy Giuliani Recht zu geben. Denn er hat zwar vieles richtig gemacht, jedoch übertrieben. Er hat New York vieles genommen was eben New York ausmachte. Disneyland und Gentrifizierung hatten unter ihm seinen Anfang.
Marion
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Marion »

Hawkeye hat geschrieben:Auf der anderen Seite hasse ich es Rudy Giuliani Recht zu geben. Denn er hat zwar vieles richtig gemacht, jedoch übertrieben. Er hat New York vieles genommen was eben New York ausmachte. Disneyland und Gentrifizierung hatten unter ihm seinen Anfang.
Ja, guter Punkt. New York ist in seiner Amtszeit sehr viel sicherer geworden. Aber am Ende des Tages hatte diese Sicherheit einen hohen Preis. Z. B. Obdachlose in die Outer Boroughs zu verschieben hat das Problem natürlich auch nicht behoben, so hat er das damals "gelöst".

So ganz grundsätzlich verstehe ich viele Amerikaner auch nicht. Jede Idee eines Sozialstaats wird als Sozialismus abgekanzelt. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen frühzeitig sterben, weil sie nicht oder nicht ausreichend krankenversichert waren. Jeder Haushalt ist unendlich verschuldet, weil eben Bildung unglaublich viel kostet und man schon mit einem Horror-Kredit ins Berufsleben startet. Der Kaiserschnitt kostet dann halt mal 1.500 USD Eigenbeteiligung, Chronisch Kranke müssen üppig für ihre Medikamente zuzahlen, bezahlte Urlaubstage gibt es kaum und reden wir mal nicht von Mutterschaftsurlaub usw.

Wir meckern hier zwar gern und häufig, es ist in D auch nicht alles Gold, was glänzt. Aber kein Mensch steht vor einem unbezahlbaren Schuldenberg, weil er an Krebs erkrankt ist oder ein Studium absolviert hat oder muss auf der Straße leben, weil er in große Not geraten ist.
Abraxas
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Abraxas »

Bloomberg hat die Stadt den Maklern, Spekulanten und den Touristen überlassen. Alles für die Touristen. Für die Bevölkerung, die in der Stadt lebt, wurde nichts gemacht. Der Schuss geht langsam aber sicher nach hinten los. Viele, besonders junge Familien, hauen ab. Alles, aber auch alles, ist unglaublich teuer. Manhattan verkommt zur Mall, sowie Hudson Yards. Mall mit teuren Geschäften die meistens leer sind. Touristen kaufen da nicht. Sonst ist da niemand, ausser eben Touristen. Die unbezahlbaren Mieten treibt die Obdachlosigkeit in die Höhe. Was ich in meiner Nachbarschaft sehe sind die Obdachlosen oft junge Leute. Viele Lehrstände in den Läden. Pacht einfach zu teuer. Wird oft nach Ablauf der Verträge verdoppelt oder verdreifacht. Künstler oder Kreative kommen nicht mehr. New York verliert sein "Edge". Viele Broadway shows kommen aus London. Früher war es umgekehrt. Irgendwann kippt das mal. DeBlasio totales Desaster. Macht überhaupt nichts. Reist im Land herum als Präsidentenkandidat. Musste aufgeben da niemand Interesse hatte. Bin gespannt wie das alles weitergehen soll. Bin nur froh, dass ich das "geile" New York noch erleben durfte.
Marion
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Marion »

Abraxas hat geschrieben:Bin nur froh, dass ich das "geile" New York noch erleben durfte.
Ja, darüber bin ich auch froh. Es hat sich schon sehr verändert in den 25 Jahren, in denen ich NY kenne.
gila
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von gila »

Ich kenne es ja "nur" 11 Jahre - und es hat sich eine Menge verändert. Ich war letztes Jahr das erste Mal im Hochsommer da und die Touristenmassen haben mich so genervt wie hier in Wien im August ;-)

Die offensichtliche Obdachlosigkeit empfinde ich inzwischen schon als normal/wenig im Vergleich zu anderen Großstädten, aber natürlich hoch im Vergleich dazu, wie es "an meinem Anfang" 2008 war.

Die Amerikaner selbst verstehe ich immer weniger, natürlich wurde ihnen schon als Baby eingeimpft, dass Kommunismus und Sozialismus das Böseste auf der Welt ist, aber meiner Meinung nach merkt man inzwischen so richtig, was die Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte angerichtet hat. Die Werte, auf die sie sich berufen? Freiheit? Die wird dann so ausgelegt, dass jeder einfach machen kann, was er will? Auch wenn er Präsident ist? Waffen tragen? Toll. Ohne weitere Worte. Und was gibt es dann noch? Nicht mehr so viel, wenn man die lauten Meinungen so hört.

Ich bin sehr froh, hier zu leben, wo ich bin, fahre immer noch mit Begeisterung nach NY und weiß vieles dort zu schätzen (als Tourist). Aber dort zu leben, kann ich mir Jahr für Jahr weniger vorstellen.
Auf der anderen Seite, all die Fortschritte - NY kann auch keinen Stillstand haben bzw. 25 Jahre zurück gehen, dann wäre es auch nicht mehr NY. Die Stadt lebt vom ständigen, schnellen Wandel. Dass dieser Wandel allerdings politisch/wirtschaftlich gesehen nicht meinem Geschmack entspricht, ist eben Pech. Aber so geht es mir mit den meisten Teilen der heutigen Welt :-(
Abraxas
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Abraxas »

Marion, falls Du nochmals vor dem Jahresende kommen solltest, sag Bescheid. Wir können uns dann für einen Drink treffen und "unserem" New York nachweinen (was im Moment sowieso alle New Yorker machen).
Marion
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Marion »

Abraxas hat geschrieben:Marion, falls Du nochmals vor dem Jahresende kommen solltest, sag Bescheid. Wir können uns dann für einen Drink treffen und "unserem" New York nachweinen (was im Moment sowieso alle New Yorker machen).
Momentan sieht es leider so aus, dass ich für lange, lange Zeit nicht mehr nach NY kommen werde. Wir hätten das mal früher machen sollen!
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von IscheNYC »

Abraxas hat geschrieben:Marion, falls Du nochmals vor dem Jahresende kommen solltest, sag Bescheid. Wir können uns dann für einen Drink treffen und "unserem" New York nachweinen (was im Moment sowieso alle New Yorker machen).
ich wuerde mich mit dir gerne mal auf einen drink treffen ;)
Marion
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Marion »

Das ist doch eine sehr gute Idee, ihr seid ja beide hier schon gefühlt 100 Jahre dabei, da ist es doch schön, wenn man sich mal kennenlernt :)
seb
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von seb »

Ich war ja in der letzten Woche ein paar Tage wieder in New York (nach nun 6 Jahren Pause). Und ich muss sagen, ich habe New York noch nie so voll mit Touristen erlebt - wobei das durchaus auch mit dem Marathon-Wochenende zusammenhängen kann. (Merke für die Zukunft: Erst Event-Termine checken und danach Flug buchen und nicht umgekehrt :roll: ).

Ansonsten hatte ich nicht das Gefühl, dass es dreckiger, ungemütlicher oder unsicherer geworden ist, da teile ich eher die Disneyland-Meinung von Marion, wenn ich mal mit meinem ersten Besuch in 2003 vergleiche. Auch die Subway-Sauberkeit fand ich "normal" wie üblich. Aufgefallen ist mir aber, dass die Preise überall deutlich angezogen haben, wo Touristen in der Nähe sind (Gastronomie etc.).

Obdachlose sieht man zwar hier und da, aber das fand ich jetzt auch nicht auffälliger als in der Vergangenheit. Ganz im Gegenteil zu San Francisco (wo ich im März war), wo ich massiv mehr Obdachlose wahrgenommen habe als beim letzten Aufenthalt zehn Jahre zuvor.
Abraxas
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Re: Geht es abwärts mit New York?

Beitrag von Abraxas »

Ja Ische, gerne. Sag mir wann und wo. Wir kennen uns ja schon. Ich glaube vor Jahren warst Du mal bei mir. Ich kann mich erinnern, Hawkeye und Andere waren auch dabei. Ich glaub es war ein Usertreff.
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