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New York Stories - Das Ritual

(von Marion Reichwein)

Wir setzten uns im Flugzeug auf unsere Plätze, lehnten uns zurück und betrachteten dann das nun um uns herum einsetzende Schauspiel. Der Mensch braucht Rituale und die braucht er auch, wenn er fliegt. Wir nannten es das "Kram-/Wühl- und Lokus-Ritual".

Als die ersten Leute das Flugzeug betraten, ging es los. Es wurde alles in die oberen Gepäckfächer verstaut. Diese schlossen dann nicht mehr richtig, wahrscheinlich weil der ein oder andere ein halbes Schwein als Handgepäck dabei hatte. Es wurden große Trollys mit Gestänge und Rädern in die Fächer gequetscht. Auch große, beunruhigend aussehende Pakete waren im Angebot.

New York von obenNachdem das geschehen war, setzte man sich hin. Das war aber auch nicht von langer Dauer, weil man ja die Zeitung aus dem Gepäckfach brauchte und die hatte man natürlich nach ganz hinten geschoben. Also, wurde alles wieder herausgerupft und das Klappern, Scheppern und Wühlen ging wieder von vorne los. Wir sahen uns an und lachten. Thomas sagte: "Können die sich nicht einfach auf ihren Hintern setzen?" "Schatz, stör das Ritual nicht. Vielleicht ist das ihre Art, den großen Fluggott zu besänftigen", prustete ich.

Als dann die meisten saßen, fiel einigen von ihnen augenblicklich ein, dass seit dem letzten Toilettenbesuch mindestens 25 Minuten vergangen waren. So begann dann der Ansturm auf die Toiletten. Wir konnten uns das nur mit Revierverhalten erklären. Man geht auf die Toilette und markiert sein Territorium. Warum die Leute auf Flugzeugtoiletten so scharf sind, werde ich nie verstehen. Wenn ich notgedrungen in dieser Folterkammer minimalsten Ausmaßes sitze, muss ich immer daran denken, was wäre, wenn mein Hintern durch das Vakuum hinausgesaugt würde. Natürlich gibt es viele, die eine Menge Geld dafür zahlen, die Form ihres Popos beim Schönheitschirurgen verändern zu lassen. Aber eine Boeing 747, aus der mein Hintern heraushängt, ist bestimmt kein schöner Anblick.

Außerdem bekomme ich in Flugzeugtoiletten Platzangst. Zwar bin ich nur 1,56 cm groß und auch nicht furchtbar dick, aber alleine der Aufstand, um hinein- und dann auch wieder hinaus zu gelangen gibt einem das Gefühl, zu oft in einer Fastfood Restaurantkette gewesen zu sein, von der alle behaupten, man gehe da nie hin. Komisch nur, dass die Bude immer voll ist, wenn man dort isst.

Bemerkenswert waren auch zwei Paare, die ihre jeweils 5 – 14 Tage alten Säuglinge dabei hatten. Uns taten die kleinen Würmchen sehr leid, denn ihnen gefiel das Fliegen gar nicht. Sie vertrugen scheinbar die Veränderung der Druckverhältnisse nicht und weinten fast ununterbrochen. Vielleicht wollten sie sich aber auch nur an ihren Eltern rächen. Der Flug war für die leicht gestressten Erwachsenen jedenfalls eine echte Herausforderung.

Milky WayAls wir durchgestartet waren und das "No Smoking Sign" erlosch, wurde ich dann richtig sauer. Genau eine Reihe hinter uns begannen die Raucherplätze. Und ich saß im Nichtraucherbereich. Die Welt war ungerecht und ich war den Rest des Fluges völlig unleidlich. Meine Stimmung wurde nur besser, als jeweils das Essen serviert wurde. Endlich etwas zu tun. Natürlich nörgelte ich auch an den Mahlzeiten herum, an denen zugegebenermaßen eigentlich nichts auszusetzen war.

Im Bordprogramm lief der Film "True Lies" mit Arnold Schwarzenegger und ich beschloss, Arnold Schwarzenegger ab sofort doof zu finden. Als ich den Film später unter entspannteren Umständen in Deutschland vom Sofa aus sah, fand ich ihn dann doch ganz nett. Wenn ich mich zurückblickend daran erinnere, bewundere ich Thomas sehr. Wäre die Situation umgekehrt gewesen, hätte ich ihn wahrscheinlich aus dem Flugzeug geworfen.

Wir waren auf der Reise unseres Lebens und ich war aufs hysterischste schlecht gelaunt und er fragte sich sicher, woher er ohne Aufsehen zu erregen eine Krankenhauspackung Valium bekommen sollte.

© 2000-2010 by Marion Reichwein


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