New York Reiseführer - NYC-Guide.de | Lucky Strike | Samstag, 18.12.2005

Lucky Strike

Sonntag, 18.12.2005

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von Marion und Thomas Reichwein

Es gibt so Tage wie dieser (und nicht nur, weil dies einer der Filme an Bord des Fluges war). Man(n) putzt gerade das Haus vor dem Abflug, draußen geht gerade die Welt unter, es macht "paff" und schon ist alles dunkel und leise - kein Strom, kein Licht und auch sonst keine Ahnung wie es weiter geht. Der Knall stellte sich dann als ein Blumentopf heraus, der vom Sturm getrieben gegen die Haustür donnerte und der Mangel an Strom als Störung beim RWE. Über eine Stunde später war der Saft wieder da, das Fernsehbild aber eher nicht. Genauer gesagt schneite es - zumindest im Fernseher. Die Ursache war hier auch schnell gefunden: ein defekter Sony-VCR, der zwischen Antenne und dem Fernseher hing. Am nächsten Tag war plötzlich alles anders. Morgens im Internet recherchiert und festgestellt, dass dies ein bekanntes Problem bei Sony Videorekordern ist. Wird das Gerät länger vom Strom getrennt, werden die Elkos im Netzteil kalt und anschließend lässt sich der Recorder nicht mehr einschalten. Die Lösung war da eher spirituell - einfach das Netzteil mit einem Fön erwärmen und dann das Gerät anschalten... Well, believe it or not, it worked!

Kurze Zeit später waren wir auf dem Weg zur Post und dabei hat Thomas ein großes Paket so unglücklich vor sich hergetragen, dass er dabei seine Krawattennadel verloren hatte. Also gingen wir im Dunkeln dieselbe Strecke zurück und gerade als Thomas anmerkte, dass man sie mit Sicherheit nicht im Dunkeln finden würde, lag sie vor uns - Anthrazit auf dunkelgrauem Kopfsteinpflaster in einer mausgrauen, unbeleuchteten Ecke...

Zweimal Hanukah an einem Tag? Wie gesagt, es gibt so Tage wie diesen...

Warum wir das erzählen? Keine Ahnung - vielleicht weil der heutige Abflugtag ganz anders war, als dieser Tag zuvor...

Anyway, wir wurden mit Mums Fiesta-Express zum Flughafen geschunkelt und kamen gerade noch rechtzeitig drei Stunden vor Abflug bei LTU an. Dort erwarteten uns neben einer riesigen Schlange von Einreisewilligen auch Andreas und Bärbel aus unserem Forum, die uns noch mit Kaffee und Kakao verabschieden wollten. So kurzweilig die sehr angenehme Überraschung war, so unendlich lange dehnte sich anschließend diesmal die Zeit des Fluges...

Es war ein völlig durchschnittlicher Flug mit völlig durchschnittlichen Ereignissen:
  • Eine ältere Frau, die eigentlich am nächsten Tag fliegen sollte, wollte aber jetzt fliegen, was den CheckIn amüsierte und irritierte...
  • Ein Security-Beamter, der sich voller Bewunderung an Thomas Powerbook G4 zu schaffen machte, bis Thomas ihm erzählte, dass der Apfel doch schon 5 Jahre alt wäre, so dass er sich für seinen Sohn vielleicht ein anderes "spontanes" Weihnachtsgeschenk ausdenken müsse, als gerade dieses "griffbereite"...
  • Wieder eine ältere Dame, die Alarm bei der Sicherheitskontrolle auslöste, weil sie drei riesige Messer im Koffer hatte und dies nicht erklären konnte... Was für ein Spaß...
  • 300 Deutsche, die 23-mal das grüne und 14-mal das Zoll-Formular im Flieger neu ausfüllten...
  • Passagiere, die sich schon auf die Toilette stürzten, noch bevor der Flieger auch mit den hinteren Reifen in der Luft war...
  • Eine Klatschorgie nach dem Aufsetzen und nochmals eine, als der Pilot alle in New York begrüßte.
Das einzige, was wirklich anders war, war die Zeitblase, in der wir eingeschlossen waren... Noch nie zuvor hat ein 8-Stunden-Flug so unendlich lange gedauert - die gefühlte Zeit belief sich auf 24 Stunden... Vielleicht lag es aber auch daran, dass der erste Film (Das Schwiegermonster) erst 4,5 Stunden nach dem Start anfing und der zweite (Tage wie dieser) praktisch mit der Landung aufhörte?

Keine Ahnung. Wir genossen jedenfalls den Anflug auf Queens mit dem Ausblick auf die Sylt-ähnlichen Inselgruppen bei blauem Himmel und mit einem ganz tollen Abendrot... Wir waren heilfroh, als wir endlich auf JFK aufsetzten...

Marion hetzte Thomas aus den letzten Reihen nach vorne zur Immigration. Es war schon erstaunlich, dass all die alten Menschen, die vorher noch auf "Senior" gemacht haben und sich humpelnd zu ihrem (besten) Sitzplatz schleppten, plötzlich die Krücken wegschmissen und wie Michael Jordan an einem vorbeisprinteten...

Als wir in der Immigrationshalle angekommen waren, kam die Ernüchterung... Die Halle war voll (mit Menschen natürlich) - unglaublich! Unzählige Flugreisende quälten sich in ebenso unzähligen Bahnen durch die Halle...

Wir freundeten uns mit einer jungen Familie an (eigentlich hatte das Kleinkind ein lachendes Auge auf uns geworfen) und erfuhren, dass es Menschen gibt, den es noch schlechter ging, als uns. Vier Stunden Fahrt von Hannover nach Düsseldorf, ein Verwandter mit neuem, aber für die USA ungültigen Reisepass da kein Digitalfoto, der zurückgelassen wurde und nach der Ankunft in New York City noch vier Stunden Fahrt nach York, Pennsylvania...

Als wir endlich einer Schlange zugewiesen wurden, erwischten wir ausgerechnet eine mit einem Mexikaner, der offensichtlich abgeschoben wurde. Ernste Mienen, ein Reisepass, der in einen grünen Umschlag gesteckt wurde und ein Beamter, der mit ihm zusammen mit einem entschuldigenden Achselzucken wegwanderte...

Marion war "not amused" und schlich sich hinter den Dispatchern zu einer anderen Schlange, was Thomas einen mittleren Herzinfarkt bescherte. Gerade, als er sich fragte, ob die hier auch mit Schusswaffen auf unautorisierte Schlangenwechsel reagieren, fand er sich neben Marion in der neuen Schlange wieder.

Es kam, wie es kommen musste. Nein, keine Schüsse, aber eine arabische Familie, die bei einem anderen Schalter nicht weiterkam, wurde zum Dank auf unseren Spurwechsel von einer Beamtin mit einem "Sorry" vor uns gesetzt... Überflüssig zu erwähnen, dass inzwischen die ursprüngliche Schlange wieder vorwärts kam, da unser Beamter ohne Mexikaner wiederkam...

Marion ließ nicht locker und hatte den nächsten Schalter im Auge, da wir inzwischen ganz ernsthaft so gut wie die letzten "Kunden" in der Halle waren. Die freundliche Beamtin hatte Mitleid mit uns und winkte uns zu ihrem Schalter...

Jetzt hieß es nur noch Beten. Die MTA und die TWU sind schon seit Tagen in harten Vertragsverhandlungen und die TWU drohte schon die gesamte Zeit mit massiven Streiks, was für unseren Transfer zum Hotel nach New Jersey natürlich suboptimal gewesen wäre...

Gott sei Dank fuhr zumindest heute noch alles und wir saßen zuerst im AirTrain, dann im E-Train und zuletzt im PATH-Train, wobei Marion noch im Hudson Newsstand in der PATH Station des World Trade Centers ihre New York Times Sunday Edition kaufte...

Dabei ist uns mal wieder aufgefallen, dass man
  • in New York und auch in New Jersey keine zwei Sekunden stehen und leicht irritiert aussehen kann, ohne dass nicht mindestens zwei Menschen auf einen zustürzen und sehr freundlich fragen, ob sie einem vielleicht helfen können (in Deutschland hätte man da wochenlang verschimmeln können, ohne dass man das Schwarze unter den Fingernägeln bekommen hätte...) und
  • mit der Subway (speziell dem Expresstrain) wirklich ein Zug in die Hölle gebucht hat. Die Geschwindigkeit, mit der der E-Train fuhr, erinnerte an Michael Schumacher, der seinen Ferrari-Motor in einen Fiat Panda eingebaut hat und damit dann bei 300 Sachen durch Monaco rast.
Hyatt Regency Jersey CityIm Hyatt wurde die Laune dann weiterhin deutlich besser. Wir wurden wieder extrem freundlich begrüßt, bekamen Dank Marions Einsatz das beste Zimmer mit Midtown-Manhattan-Blick available und wollten gar nicht mehr aus dem Hotelzimmer! Wir waren finaly zu Hause! Das Hyatt hat seit dem Sommer einige kleine Upgrades durchgeführt, so dass die sowieso schon schönen Zimmer jetzt noch toller sind. Insbesondere die Betten wurden aufgewertet und sind einfach himmlisch.

Das wir es dennoch aus dem Zimmer mit dem Traumblick schafften, lag einzig und alleine am Hunger... Wir ließen uns vom Empfang eine Empfehlung geben und machten einen der üblichen Gänge rund um den Block - diesmal eben nur in Jersey City...

Wir kehrten ins "Flamingo" ein - ein Diner, das von Außen extrem "strange" aussieht. Etwas schmuddelig, etwas schmierig und richtig, richtig gefährlich - zumindest für Jersey City. Jede Faser von Thomas' Körper sagte, "Watch out! Geh da nicht rein!" - Marion öffnete die Tür und ging hinein...

Flamingo Restaurant and BarAbgesehen von Norman Bates, der etwas weiter im Diner saß und überlegte, wer von uns beiden sich besser in seiner Tiefkühltruhe machte und wem die Perücke seiner Mutter besser stand, war es ein echtes Erlebnis! Das Diner wirkte von Innen wie ein Motel-Diner aus den amerikanischen Route 66-Road-Movies und die Bedienung, eine ältere Dame, die uns direkt in ihr Herz schloss, gab unglaublich leckere Sandwiches bei Mario - einem etwa 55-jährigen, lustlosen und ebenso schmuddeligen Italiener - in Auftrag... Mit LTM (Lettuce, Tomatoe & Mayo), was Mario mit einem "Que?" quittierte, woraufhin sie dann anmerkte, "How long are you in the restaurant business, Mario? 40 years?"... Um fair zu bleiben - die Lebensmittel waren wirklich super frisch und extrem lecker!!! Ein echter Geheimtipp also:

Flamingo Restaurant and Bar
Map
31 Montgomery St., Jersey City, NJ 07302, Phone: 201-434-6769

Interessant übrigens, dass man dort nicht nur essen, sondern auch Alkohol trinken und rauchen darf. That's New Jersey! Mit unserer Beute zogen wir uns überwältigt vom Blick auf die Skyline zurück und schredderten die unglaublich leckeren Sandwiches und sackten ab bei den Sopranos und The Apprentice... Und zum Einschlafen gab es dann noch den Rest von "Schöne Bescherung" mit Chevy Chase...

Wie gesagt, Tage wie dieser...
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