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Das Maikäfer-Treffen | Die Reichweins

Freitag, 17. Mai 2002


von Ingrid, Marion und Thomas Reichwein

Eigentlich war es ganz einfach. Morgens um 4:00 Uhr aufstehen, Ingrid wecken und eine Stunde später auf dem Weg zum Flughafen sein. Klingt gar nicht so kompliziert, war es aber! Das Aufstehen klappte zufrieden stellend, bis auf die üblichen motorischen und verbalen Schwierigkeiten um diese Uhrzeit. "Bist du wach?"; "Gmpfh"; "Cool, ich auch!"; "Ich rufe mal Muttern an und werfe sie aus der Kiste!"; "Mpfghr"; "Alles klar, ich drücke auf die Kaffeemaschine!".

Eigentlich war der Plan, dass wir und Ingrid uns gegenseitig wecken sollten und da Ingrid sowieso immer schon im Morgengrauen aufsteht, um an ihrer Dienststelle weiterzuschlafen, hielten wir das für einen guten Plan. Leicht nervös wurden wir, als sich am anderen Ende der Leitung auch bei 50 x klingeln nichts Wesentliches tat. Wir beschlossen, den Hörer zur Seite zu legen und erst einmal duschen zu gehen. Anschließend erklang noch immer das fröhlich provokant klingende Freizeichen und keine Spur von Ingrid.

Es blieb zu diesem Zeitpunkt nur noch Plan B - ihre Schwester Elfriede wach klingeln und dafür sorgen, dass sie eine Etage tiefer gegen die Wohnungstür pollert. Gesagt, getan - wir wählten Elfriedes Nummer. "Hallo Elfriede, wir sind's!"; "Gmpfhr"; "Ja, wir wissen, wie früh es ist, aber Ingrid geht nicht ans Telefon und wir wären dir sehr dankbar, wenn du sie wecken könntest, wir müssen nämlich in 30 Minuten fahren!".

Als wir bei Ingrid ankamen erblickten wir eine völlig verschlafene kleine Frau, die versuchte ihr Morgenritual abzuspulen (nein, nicht das mit der Toilette, die Scheibe 100% fettfreies Staubbrot mit einem ebenso trockenen und fettfreien Käseersatz ist gemeint!). Nachdem wir Ingrid klar machten, dass es durchaus in Flugzeugen üblich ist, ein Frühstück zu erhalten, meinte Ingrid nur: "Mamf, schmatz, grummel, erst in einer Stunde, mamf, schmatz, grummel".

Erst mal 'ne FluppeEs stand fest, alle Argumente an diesem Morgen wurden ausgetauscht und es gab nichts mehr zu sagen, also fuhren wir mit zehn Minuten Verspätung zum Flughafen. Dort angekommen, ging der Tag schon positiv weiter. Während Thomas sich ein wenig Sorgen um die Sicherheit des eigenen Autos machte - schließlich parkte schräg gegenüber ein nagelneuer Porsche Boxster mit eingeschlagener Seitenscheibe und einem in die Tür gesteckten Zettel mit der Aufschrift "Entschuldigung", drehte es sich bei Marion und Ingrid nur um zwei Fragen: "Hast du mal Feuer?" und "Kann mir hier mal jemand helfen, Thomas?".

Nachdem der Koffer gewaltsam geschlossen wurde (was allerdings überflüssig gewesen ist, weil er sowieso nicht mit und am Flughafen JFK landen sollte), konnte es endlich zum Checkin bei British Airways gehen. Da Marion in zäher Erinnerung an den ersten Flug mit der britischen Gesellschaft, bei der sie vergaß, einen Raucherplatz zu Buchen (ja, das gab es damals noch!), leicht gereizt bei dem Kürzel "BA" reagiert, versuchte sie Thomas etwas aufzuheitern, was Marion aber nur noch mehr in Rage versetzte. Zugegeben, dass es für den Flug nach New York keinen Fensterplatz mehr geben sollte, ist ein wenig dumm gelaufen, dass British Airways Ingrids Koffer verlieren würde wusste jetzt ja noch keiner - ganz zu schweigen von dem Umstand, dass beim Rückflug keine zusammen liegende Sitze mehr existierten. Angesichts der noch ausstehenden Ereignisse, war doch der totale Stromausfall am Flughafen Heathrow doch wirklich das geringste Übel, oder?

Um die Ereignisse ein wenig zu ordnen. Der Flug von Köln nach London verlief zunächst ohne besondere Ereignisse, bis auf die Tatsache, dass wir das erste Mal auf dem Weg nach New York Prominenz erblickten - OK, mit Elkes "Robert de Niro" konnten wir nicht konkurrieren, aber zumindest hatten wir die Schauspielerin "Imke Brügger" (Hauptkommissarin "Rebecca Mattern" bei "Unter uns", RTL) mit an Bord.

Richtig witzig wurde es dann halt in London. Wir waren gerade gelandet - oder besser gesagt kontrolliert abgestürzt - und rollten noch aus (eigentlich tat es ja das Flugzeug), als der Kapitän eine Durchsage machte, dass es den besagten kompletten Stromausfall auf dem Flughafen geben würde und dass wir die letzte Maschine waren, die hier hätte landen dürfen. Das Problem würde sich nur auf die innereuropäischen Flüge reduzieren und man müsse jetzt ein wenig warten, bis es wieder eine Möglichkeit geben würde, an ein Terminal anzudocken. Also saßen wir in der Maschine mitten auf der Landebahn und warteten darauf, dass eine andere Maschine wegrollt, um so einen Platz am Terminal zu bekommen. Dies passierte die nächsten 10 Minuten aber nicht, so dass man sich entschloss, die Passagiere auf der Landebahn mit Bussen abzuholen und zum Terminal zu fahren.

Also stiegen wir alle in einen speziellen Ford Transit des Flughafens und wurden von einer durch und durch gut gelaunten Angestellten von Terminal zu Terminal gefahren. Endlich angekommen hieß es - getrieben von weiteren Flughafenangestellten - schnell Richtung Boarding zu jagen. Man hatte ein wenig das Gefühl, in einem Bootcamp und nicht in einem Flughafengebäude zu sein. Sei's drum, wir waren abgehetzt, durchgeschwitzt, aber pünktlich in unserem Flieger und stellten zu unserer vollsten Satisfaktion fest, dass es sich bei dem Flieger um eine ganz neue Maschine handelte, die für jeden einen eigenen Fernseher spendierte (wie bei Singapur Air). Mit einem breiten Grinsen saß Thomas in seinem Sessel und zappte sich schon durch die vielen Kanäle, als eine Durchsage des Kapitäns nichts Gutes verhieß. Entgegen der vorherigen Aussage waren auch die Transatlantikflüge von dem Stromausfall betroffen - ohne funktionierende Luftraumüberwachung wollte man sich in England einfach nicht von den Deutschen trennen (das war auch schon mal anders ;-)). Voraussichtliche Verzögerung: 2 Stunden.

Während in Marions Kopf lauter Bilder von armen BA-Angestellten abliefen, die sie dann anbrüllen konnte, wurden Gott sei Dank die Gebete von Thomas erhört und das Entertainmentsystem der Maschine wurde aktiviert. Fesche Stewards verteilten körbeweise Mars, Snickers, Twix etc. bis zum Abwinken, so dass Ingrid was zum Knabbern hatte, während Marion inzwischen dazu über gegangen war, auszurechnen, wie viel Zigaretten man noch hätte rauchen können. Sicherheitshalber schnallte Thomas sie in einem unbemerkten Augenblick fest, so dass sie nicht wie 1994 einfach ungebremst auf das Rollfeld laufen und direkt neben einem Kerosinbomber ihre Zigaretten anzünden konnte. Für Thomas dagegen war die Welt soweit in Ordnung: Seine Frisur saß, er hatte jede Menge Süßigkeiten und sein TFT-Display zeigte den Countdown zu "Vanilla Sky".

Nach einem dann doch recht kurzweiligen Flug und einem erneuten kontrollierten Absturz kamen wir um 12:30 Uhr in New York an und Thomas Frisur saß immer noch. Der erste Weg führte - wie immer - durch die Immigration, die wir schnell hinter uns bringen konnten und anschließend zum Gepäckband. Für einen von uns wurde das Thema Gepäckband dann sehr schnell zu einem Trauma: Ingrids Koffer hatte keine Lust auf New York und hat sich heimlich aus der Maschine geschlichen... Wie auch immer, er war nicht da. Ingrids Gesicht hatte noch nicht mal die Gelegenheit, richtig lang zu werden, da sprach uns ein Angestellter des JFK-Flughafens an, ob wir unseren Koffer suchen würden. Wir einigten uns schnell darauf, dass auf diesem Band wohl kein weiterer Koffer mehr angeliefert würde und marschierten zum Schalter für verlorene Gepäckstücke.

In einer freundlichen und präzisen Kurzbefragung wurde uns erklärt, dass der Koffer gegen 14:00 Uhr ankommen würde und dass man ihn anschließend ins Hotel liefere.

Für die Mädels hieß es nach dem Schock erst einmal "Zigarettenpause "! Aber Marion hatte trotz Nikotin und schönem Wetter keinen Grund sich zu Erholen, da sie prompt von einem sehr aufdringlichen Farbigen abgefangen wurde, der sie überreden wollte, doch mit seinem Taxi zu fahren. Als sie höflich und bestimmt erklärte, dass wir ein normales "Yellow Cab" nehmen werden und dass er doch bitte ein anderes Opfer suchen solle.

Kein Koffer @ JFK Thomas wollte zur Hilfe kommen, fand es aber viel interessanter, das ganze mit der Videokamera zu dokumentieren. Man konnte förmlich riechen, dass in Marion eine kleine Kettenreaktion stattfand die darin endete, dass Thomas Frisur plötzlich nicht mehr saß und er sich dazu entschied, dann doch nicht mehr weiterzufilmen.

Die Stimmung wurde auch nicht besser, als wir dem Taxifahrer wieder erklären mussten, wo das Hotel ist, was wir allerdings auch nicht auf Anhieb entdeckten, weil es als normales Wohnhaus getarnt war. Auch die Bemühungen des Personals, uns die Zimmer zu erklären, sorgten für wenig Erheiterung. Besonders Thomas fluchte sehr, als er mangels Aufzug vier Etagen mit schweren Koffern bezwungen hatte, um dann zusammen mit dem Herrn von der Rezeption festzustellen, dass es das falsche Gebäude war. Nachdem wir einen Innenhof (Patio) durchquert hatten, waren wir im richtigen Gebäudekomplex und es lohnte sich wieder, die vier Etagen mit Gepäck zu besteigen.

414 InnSo, jetzt erst einmal auspacken (Marion), entspannen (Thomas) und ein langes Gesicht machen (Ingrid). Wenig später hatten wir uns schon ein wenig akklimatisiert und machten uns auf den Weg, die Gegend zu erkunden. Außerdem quengelte Ingrid, ihre Schwester in Deutschland zu benachrichtigen, dass wir - anders als der Koffer - sicher in Manhattan angekommen waren. Nach diversen Versuchen, eine Telefonzelle mit International-Calls zu finden und die richtige Nummernkombination zu finden, hatten wir den ersten Anruf erledigt und machten uns auf den Weg Richtung Hafen.

Wir sahen uns das "Intrepid Sea-Air-Space-Museum" (leider nur von außen) an und Thomas bestaunte ausgiebig den riesigen Flugzeugträger und die auf ihm geparkten alten Kampfjets. An einem sehr netten Kiosk mit Sitzgelegenheit gab es dann Diet Coke für die Damen und den ersten Hot Dog für Thomas.

Wir schlenderten noch eine ganze Weile in unserer Neighborhood herum und entdeckten dabei auch ein Denkmal für die beim Anschlag auf das World Trade Center getöteten Feuerwehrleute.

Memorial Nach einem Happen zu Essen, kamen wir hoffnungsvoll gegen halb acht abends zum Hotel - aber es gab entgegen der Ankündigung des Flughafenpersonals keinen Koffer. Völlig enttäuscht und deprimiert verkrümelte sich Ingrid in ihr Zimmer und ließ sich auch nicht von Marions Wäsche-Notpaket aufheitern. Gegen 22:00 Uhr - wir waren eigentlich schon fast im Bett - klingelte plötzlich das Telefon und die Stimme der Rezeption teilte uns mit, dass hier ein Koffer auf uns warten würde. Also holte Thomas den Koffer unten ab und schleppte das schwere Ding drei Etagen rauf zu Ingrid. Für einen kleinen Moment glaubten wir, Ingrid hätte den Koffer mit einem Lottoschein verwechselt, der ihr sechs Richtige beschert. Wie auch immer, alle waren am Ende des Tages glücklich und Thomas Frisur saß auch wieder.

© 2000-2010 by Marion Reichwein


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