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Stefan allein in New York

Der Norden Manhattans


von Krampe

Der heutige Tag war wie geschaffen für einen Ausflug ins Grüne. Blauer Himmel soweit das Auge reichte (zugegeben das war nicht sehr weit). Bevor ich allerdings dem Norden Manhattans einen Besuch abstatten konnte, musste das Frühstücksritual durchgestanden werden.

Manhattan...Gestern hatte ich kläglich versagt. Marion und Tom können sich bestimmt das Grinsen kaum noch verkneifen (Stimmt!). Jaja, die Sache mit dem Sandwich. Diese Peinlichkeit werde ich nur mit knallharten Fakten schildern. Also, ich hatte die Wahl zwischen: 5 Sorten Brot, 2 Sorten Butter (Fettgehalt), 2x Margarine, mehrere Sorten Schinken, 3 verschiedene Sorten grünen Salat, vom Käse ganz zu schweigen - dauerte mindestens 5 Minuten.

Das war wirklich schlimm und nicht viel besser erging's mir im Starbucks. Soviel verschiedene Sorten Kaffee hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht getrunken. Immerhin bekam ich den Tipp, wenn ich "Coffee of the Day" nehme, werde ich keine Probleme haben - da krieg ich jeden Tag 'was anderes.

Ich hatte mir vorgenommen, das Ganze heute etwas professioneller durchzuziehen. Also 5 Straßen und 3 rote Ampeln später betrat ich das Starbucks. "A small 'Coffee of the Day' and two blueberrymuffins, please". Die Muffins wurden ohne weitere Fragen eingepackt. "Coffee of the Day is Verona" kam von der anderen Seite des Tresens mit einen Gesichtsausdruck, als ob ich der erste war der jemals diesen Kaffee haben wollte. Mit einem "It's OK" tat ich so, als ob ich wusste, was ich tat, bekam meine Sachen und durfte gehen. Zufrieden mit mir und der Welt tauchte ich am Astor Place in den Untergrund.

Ab der 8th Avenue hatte ich das Vergnügen mit einer der neuen Subways bis zur 190th St. zu fahren. Der Zug konnte gar nicht oft genug halten. Jedes Mal bevor er losfuhr kam "Stand clear of the closing doors, please" aus den Lautsprechern. Für mich einer der faszinierendsten Sätze New Yorks (ich hab einen New Yorker getroffen der fand ihn das Schlimmste, was seit 100 Jahren erfunden wurde). Aber nicht nur die Ansagen sind toll, sondern auch die Geschwindigkeit mit der sich so ein Expresszug durch die Röhren kämpft. Normalerweise geschieht das auf einem separaten Gleis, da ein dieser nur alle 4-10 Stationen hält. Es kommt aber auch vor, das der Express das Gleis für die Localzüge benutzt. Dann wird vor einer Station kurz gehupt und ohne Geschwindigkeitseinbuße an den wartenden Leuten vorbeigeheizt.

An der 190th St. angekommen, geht es mit einem Fahrstuhl nach oben. Unmöglich, dass das hier noch Manhattan sein soll. Bäume, Hügel und Unmengen von diesen lustigen Eichhörnchen. Ein paar Blumenbeete und einem gehörigen Anstieg später, hatte ich es dann endlich geschafft. Lange musste ich darauf warten, doch nun war es soweit. Ich stand auf dem höchsten Punkt Manhattans - stolze 76m. Jaja, ich kann das Gelächter bis hier hören, aber man hat einen fantastischen Blick auf die Washington-Bridge, das felsige Ufer New Jerseys und die Bronx.

CloistersWeiter ging's zu den nur ein paar Meter entfernten Cloisters. Ein mittelalterliches Kloster mitten in New York. Gut, das es Fotoapparate gibt, sonst hätten mich bestimmt alle für wahnsinnig gehalten. Romantik pur und der Stefan ganz allein...

Naja, da hab ich mich eben der Kunst hingegeben. Das war eigentlich auch ganz nett.

Nach einer ordentlichen Portion Bildung fuhr ich mit der Subway zur 145th St. Mein Plan war den Frederick Douglas Blvd. bis zum Central Park entlang zu schlendern, mitten durch Harlem. Ein wenig aufgeregt war ich schon, denn dies sollte meine erste Begegnung mit dem "anderen" New York sein.

Ich kam allerdings nur bis zur 127th St. Ein etwas seltsam aussehender Kirchturm störte meine Pläne. Laut Karte handelte es sich um die Riverside Church, und die ganz in der Nähe liegende Columbia University war eine prima Gelegenheit, meine E-Mails abzuholen.

Das Parkhaus unter der Kirche löste schon leichte Verwunderung aus, aber was mich im Inneren erwartete, war noch besser. Da gab's das Arbeitsamt, eine Bücherei, so 'ne Art Schule, eine Buchhandlung und andere soziale Einrichtungen. Kein Altar weit und breit. Zum Observationsdeck fuhr man mit dem Fahrstuhl in den 20. Stock und den Rest zu Fuß. That's America! Die Aussichtsplattform war leider geschlossen. Ein älterer Herr erklärte mir auch warum, er hat aber so schnell gesprochen, das ich nix verstanden hab. Im Schlepptau hatte er eine etwas jüngere Frau, deren English mir wesentlich sympathischer war. Sie konnte mir zwar nicht erklären, warum der Turm geschlossen war, wenn ich aber was Tolles sehen wolle, soll ich doch zur Orgelprobe gehen. Mit über 22.000 Pfeifen ist es eine der größten (oder die größte???) der Welt. Für Orgeln hatte ich bisher eigentlich nicht soviel übrig gehabt, aber anschauen kann man sich's ja mal.

Der Fahrstuhl stoppte in der ersten Etage und erst jetzt konnte man den richtigen Teil der Kirche sehen. Wow, tolle Kirche, tolle Orgel, tolle Akustik. Zirka eine Stunde widmete ich der Musik und bereute, dass ich nur einen Sonntag in NY hatte. Also Riverside Church 122th St./Riverside Drive unbedingt mal anschauen und mir schreiben, wie die Aussicht vom Turm ist.

Columbia UniversityJe näher ich der Columbia Uni kam, desto mehr festlich gekleidete Leute kamen mir entgegen.

Es war ein denkbar ungünstiger Tag zum E-Mails abholen. Heute feierten die Studenten ihren Abschluss. Es gab lustige Hüte, einen prima Umhang und Security vor dem Eingang.

Ich hatte kein gutes Gefühl bei dem, was ich tat, aber ich wollte da rein. Das Allerweltsgrinsen aufgesetzt und durch.

Entweder ich gebe einen guten Studenten ab oder den Wachleuten war's egal, wer auf das Unigelände kommt, jedenfalls hinderte mich keiner daran.

Drinnen schlenderte ich von einem Gebäude zum anderen. In den meisten waren die Feierlichkeiten voll im Gange. Alle für mich wichtigen Räume waren aber abgesperrt - meine Mails mussten also warten. Die Leute waren alle furchtbar nett und so ergab sich hier und da ein kleiner Smalltalk. Da kommt jemand nach New York um sich mal die Rechner an der Columbia-Uni anzuschauen.

Columbia UniversityDie Jungs fanden das furchtbar spaßig, und wir hatten ein prima Gespräch über Macs (:-)Sorry...) und den Pinguin (:-)Sorry again...).

Jaaaaa, man mag es kaum glauben, Linux ist sogar in America ein Begriff. Das klang jetzt wieder so, als ob ich voll der Englischheld bin, stimmt aber nicht. Alle hatten einfach furchtbar viel Geduld mit mir.

Mein Rückweg führte mich an der Cathedral of St. John the Divine vorbei. Aber wie soll's anders sein, hatte sich die Uni hier eingemietet - betreten unmöglich.

Keine E-Mails, keine Kathedrale - ein eindeutiges 2:0 für Columbia. Da ich mich aber so leicht nicht geschlagen gebe, hatte ich für einen der nächsten Tage meine Rückkehr geplant. Immerhin wollte ich ja wissen, was für ein Betriebssystem an der Columbia-Uni läuft. Für heute musste Easy Everything am Times Square dran glauben.

© 2000-2012 by Marion & Thomas Reichwein
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