New York Reiseführer - NYC-Guide.de | Sturz in den East River

Sturz in den East River

Sturz in den East River

Zurück | Weiter

von Erwinkarl

Schön war es. Diesmal hatten wir ja vor, die anderen Bezirke genauer unter die Lupe zu nehmen und Manhattan weniger Zeit zu geben und ich muss schreiben, es hat sich gelohnt. Auch wenn in den Boroughs und Gegenden außerhalb Manhattan ab ca. 23:00 Uhr die Gehsteige aufgeklappt werden. Der Slogan "New York, die Stadt die nie schläft" wurde von den restlichen vier Bezirken in "New York, die Stadt die ab 23:00 Uhr schläft" umgewandelt. Na ja, müssen schließlich auch morgens aufstehen, nur in Manhattan schläft anscheinend wirklich niemand. Auf dieser Insel braucht wahrscheinlich auch niemand aufstehen.

Nichtsdestotrotz hatten wir jede Menge Spaß. Ob es um eigenartige Nationalisten in Queens, sonderbare Gartenzwergsammler in Staten Island, lustige Laufduelle mehrerer Schwarzer in der Bronx, um "Berufsehre-ist-mir-egal"-Lebensmittelhändler, über Trucklenker, die keine Hindernisse scheuen, Mäuse, die schlauer sind als die Cops erlauben oder es um echte Lebenskünstler in Brooklyn handelt, die Kunst anders definieren als die restliche Welt. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Es war spannend, bildend, intellektuell, "gg" grauslich, aber auch abgrundtief traurig und peinlich, ja peinlich.

Wenn mir Zeit bleibt und ich genug motiviert bin (ich schreibe nicht sehr gern, vor allem nicht sehr gerne viel) werde ich jene Erlebnisse, die mein "Weltbild" über New York City NICHT grundlegend verändert haben (was habt ihr geglaubt?) hier niederschreiben. Keine Angst, eh nicht sofort, da ich noch einige Erlebnisse verarbeiten muss und "Verarbeiten" dauert bei mir immer etwas länger.

Ein "kleines" Erlebnis möchte ich aber doch vorausschicken. "Brr, mich ekelt's. Wenn ich daran denke, werde ich sofort grün im Gesicht" und es war so was von peinlich, wie Ihr es euch in euren schlimmsten Träumen nicht vorstellen könnt.

Los geht’s:

Ich entdeckte eine Megaeinstellung für ein Jahrhundertfoto an den unteren Docks am East River (Brooklyn, scheußliche Gegend). Nein, nicht die Skyline von Manhattan, die hatte ich schon mehrfach im Kasten, das Geländer und die halb verfaulten Holzklötze, die meterhoch aus dem Wasser ragten, machten mich an. Im Hintergrund aufgelassene, halbverfallene Fabrikgebäude, davor eine halbe Müllhalde. Ein mächtiges Bild.

In der einen Hand hielt ich die Kamera, in der anderen eine Filmrolle. Beim Überklettern einer mir im Weg stehenden Absperrung rutschte mir der Film aus der Hand und blieb am Plateaurand liegen. Genau an der Kante. Kaum hatte ich den Film in den Fingern, rutschte ich aus... und fiel in den East River.

Nicht nur, dass das Wasser saukalt war und abgrundtief schmutzig, hatte ich keine Chance, den Fluss zu verlassen da das obere Ende gut 4 Meter über mir war (aus meiner Position hat es wie vierzig Meter ausgesehen) und somit zu hoch, um rauszuklettern.

Ich war gerade dabei mich schwimmend umzusehen, wo ich diesen eisig kalten East River entsteigen könnte, ohne jetzt rasch einen Crashkurs für's Freiklettern machen zu müssen, während mir mein Sohn ständig Anweisungen zugerufen hat, wo es eventuell möglich währe, dieses Nass zu verlassen, hörte ich eine Sirene. "Die kommen sicher nicht meinetwegen" schoss es mir durch den Kopf, außerdem können die nicht so schnell sein, bin ich doch gerade mal zwei, drei Minuten in dieser Soße aus Abfällen, Öl und undefinierbarem Zeug geschwommen.

Ich sah nach oben und erblickte tatsächlich einige Firefighters, die interessiert ihre Köpfe über die Absperrung streckten. Ihr breites Grinsen war deutlich zu erkennen. Mein Sohn unterhielt sich mit ihnen und ich hatte das Gefühl, dieses Gespräch dauert ewig. "Was erzählen die sich den? Tauschen sie ihre Lebensgeschichten aus? He, ich bin hier unten", wollte ich schon rufen.

Dann endlich, einer rollte eine Strickleiter aus und warf das Ende runter. Über diesen Weg könnte ich den kalten East River verlassen, nur war dieses Vorhaben nicht so einfach. In den Filmen sieht das immer so leicht aus. Die Wellen schubsten mich in die eine Richtung und die Leiter in die andere. Nicht das ich Angst vor dem Ertrinken hatte, bin vermutlich ein besserer Schwimmer als Kletterer, ist mir dann doch ein wenig Bang geworden. Wut kam in mir auf, weil die Wellen und die Leiter anscheinend gegen mich waren.

Nicht auszudenken, was die Helfer nun alles einsetzen werden, um mich nicht absaufen zu lassen, wenn ich diese verdammte "Übung" nicht schaffe (Hubschrauber anfordern? Marine alarmieren? Leichenwagen bestellen?). Ein schneller Griff und endlich hatte ich das Ende erwischt und umklammert. Noch nie hatte ich ein Objekt so eng und intensiv an mich gezogen wie diese Leiter. Kein Hurrikan hätte mich jetzt von dieser Strickleiter runtergebracht. Jetzt weiß ich, was man meint mit "Eins werden mit der Materie".

Eine Ambulanz und zwei Cops gesellten sich dazu. Nach dem meine Unversehrtheit festgestellt und Fremdverschulden ausgeschlossen wurde (die Unversehrtheit meines schwer angeschlagenen Egos hat sie nicht interessiert), brachten die Cops meinen Sohn und mich, nachdem ich meine nassen Kleider los wurde, in eine Decke eingewickelt, ins Hotel. Könnt Ihr euch vorstellen, wie das Personal und die vorhandene Gäste an der Rezeption verwundert geschaut haben? "gg... köstlich".

Die Reinigung meines Körpers war eine sehr intensive Angelegenheit. Selbst meine Organe wollte ich aus meinem Leib hervorholen, sie in der Wanne aufreihen und abschrubben.

Na gut, nix passiert, außer dass nun meine Kamera im East River, bei den Docks von Brooklyn bis in alle Ewigkeit Fische beobachten wird... sofern es welche gibt, in dieser Brühe.

Übrigens, ein Passant, der meinen Sturz beobachtet hat, winkte die Feuerwehrleute herbei, die sich in der Nähe aufhielten. Ein herzliches Danke an alle, die für meine geglückte "Bergung" verantwortlich waren. Von welcher Rescue sie waren? Keine Ahnung. Konsequenzen hatte es für mich keine gegeben, außer das mir dieses "Aha-Erlebnis" die Erkenntnis brachte, in meinem Alter auf das alpine Bergsteigen zu verzichten. Wenn schon ein normales Geländer Probleme macht, sollte ich den K2 vergessen.

Der Fall in die Fluten war ja selbstverschuldet und das Überklettern der Absperrung wurde mit einer Vollkörpertaufe mittels (mich schüttelt's) abwasserähnlichem East River-Wasser bestraft. Ein Officer wollte nach der Kamera tauchen lassen und ein Tauchteam anfordern. Dieses Vorhaben hatten wir aber mit allem Nachdruck verhindern können. So viel Aufwand für eine Kamera der preislichen Mittelklasse währe wirklich übertrieben gewesen, außerdem wollte ich keinem zumuten, meinetwegen in diesen schwimmenden Schlamm zu springen.

Meine Rettung war Nächstenliebe genug. Wahrscheinlich würde ich heute noch Manhattan schwimmend umrunden, ohne eine Möglichkeit gefunden zu haben, den River zu verlassen, eventuell als Wasserleiche. Und was macht ein gestandener Amerikaner in meiner Situation? Richtig, er verklagt die Stadt New York auf hunderte Millionen. Nein, keine Angst, ich nicht, ich verklage ganz Amerika. Anwälte aller Länder vereinigt euch. Für uns war es der zweite Besuch New Yorks. Eines ist sicher, es wird nicht der Letzte sein, nur werde ich beim nächsten Treffen mit dieser Stadt rutschfeste Schuhe anhaben.

Zurück | Weiter

© 2000-2018 by Marion Reichwein & Thomas Reichwein
Bookmark and Share


Amazon