New York Reiseführer - NYC-Guide.de | Ein Sonntag in Harlem

Ein Sonntag in Harlem


Central Park Unser Tagesplan sah für Sonntag vor, nach dem Frühstück im nördlichen Viertel des Central Parks also um das Harlem Meer herum zu beginnen, um dann - über die „Passion of the Christ“ - in der Canaan Baptist Church in Harlem, anschließend zur Befriedigung des leiblichen Wohles, den Vormittag mit American Southern Soul Food in den Gourmet-Tempeln Harlems ausklingen zu lassen.

In der Canaan Baptist Church sollte es um 11.00 Uhr losgehen. Aus dem Central Park raus, hatten wir unser Ziel nach ca. 10-minütigem Spaziergang erreicht. Nur welch ein Schreck! Was wollten denn die Reisebusse und all die Touristen vor dem Gotteshaus?

Sicherlich nicht in den Gottesdienst, denn niemand war mit Bibel oder Gesangbuch bewaffnet, dafür hatte dann fast jeder Koreaner, Brite oder Deutsche das Neueste an Digitaltechnik unter'm Arm! Irgendwie war's nur peinlich.



Wir sind dann erst einmal weiter, weil wir schon gemerkt hatten, dass dort in Harlem anscheinend jedes 10. Gebäude von einer Gemeinde genutzt wird. Gemäß Plan B hatten wir uns aber auch noch die Mount Moria Church als Option vorgemerkt, 2050 Fifth Avenue, natürlich wegen des dort ansässigen, angeblich zu den Top 3 in New York City zählenden Gospelchores.

Aber auch dort ein ähnliches Bild! Bus vor der Tür, reichlich Überseefotografen usw. Nur gut, dass es schon nur 2 Häuser weiter den "Harlem Gospel Temple" gab. Hörte sich zwar gut an, war mir aber nicht unbedingt als Empfehlung in Erinnerung? Aber wer nichts wagt...!?!

Central Park Ein Gemeindediener hatte grade lautstark den erwähnten, dort parkenden Busfahrer samt seiner Kutsche mit dem Hinweis verjagt, dass diese Flächen alleinig für den Pastor des Harlem Gospel Temple bestimmt seien, als er unsere suchenden Seelen sah und uns herzlich einlud, doch hereinzukommen! Mit dem Service (d.h. der Messe) solle es um 11.15 Uhr losgehen, aber wir können ruhig auch schon am Prayer teilnehmen! „Behold, I send an angel before thee to keep thee in the way; and to bring thee into the place which I have prepared“ stand's über der Kirchentür - warum nicht, bei solch einer herzlichen Einladung?

Der schlichte Raum der Gemeinde war ca. 20 x 20 m groß und links und rechts mit jeweils ca. 100 Plätzen bestuhlt. Sofort fielen mir die beiden umfangreichen Schlagzeug-Sets links, bzw. davor die Hammond-B3-Orgel und das Yamaha E-Piano auf der anderen Seite des Raumes auf. In der Mitte ein schlichtes Rednerpult, dahinter 4 wuchtige Armlehnstühle.

Da das Prayer schon voll im Gange war, haben wir uns schnell in der letzten Reihe niedergelassen, bzw. hingesetzt. Vor uns knieten nämlich so um die 10 Frauen und vielleicht 5 Männer und beteten ohne Hemmungen und, das war uns völlig fremd, laut und durcheinander für jeden, auch für uns, verstehbar! Mich hat das sofort tief berührt, auch, weil sofort eine der Frauen, als sie uns sah, freundlich strahlend zu uns kam, uns singend begrüßte und uns Gottes reichen Segen für diesen Morgen wünschte! So waren auch uns sofort jegliche Hemmungen genommen.

Der Raum füllte sich dann langsam und das Beten ging in herzliche Begrüßungen über. Links und rechts nahmen jeweils 4 weiß bekittelte ältere Damen Stellung, wobei die für unseren Bereich zuständige uns auch wieder freundlichst begrüßte und uns sofort auch einen Umschlag für die Kollekte in die Hand drückte. Das Briefchen war ganz praktisch, bedruckt mit dem Bibelspruch, dass Gott den fröhlichen Geber liebt, konnte man auf der Innenseite Name, Wohnort und Spendensummen sowie die Bestimmung angeben! Ob für den Pastor, Obdachlose, Jugendarbeit, Mission usw.!

Anwesen in Harlem Ja, und dann ging's los!!! Ich hatte mich grade nach einem Gesangbuch erkundigt, was bei unserer Helferin nur eine verständnislose, fragende Mine hervorrief, als die erste Frau einfach laut anfing zu singen: Aber wie! Ich habe mich gefragt ob das wohl eine Tochter von Mahalia Jackson sei? Zumindest hatte ich den Eindruck, dass sie nicht schlechter war als die große Mahalia! Die sich immer noch vergrößernde Gemeinde stimmte jubelnd ein und so ging es dann erst einmal weiter. So, wie man vielleicht schon einmal einen Gospel-Gottesdienst im Kino mitbekommen hat, ich denke da an den Anfang des Dietrich Bonhoeffer Films - nur noch authentischer! Nach 5 Minuten hatten die ihren Höhepunkt erreicht!

An den Schlagzeugen hatten zwei ca. 11 und 15jährige Talente Platz genommen, die Tasteninstrumente wurden von zwei Damen bedient. So ging es dann stehend (!) über die ersten gut 60 Minuten. Für mich eine Lehrstunde der Black Music, des Blues, des Gospel und dessen, was an improvisierter Musik auch in einem Gottesdienst machbar ist! Unglaublich! Alles tanzte, swingte, klatschte - Zwischenrufe, Praise und unbeschreibbare Freude schaffte es ziemlich schnell uns dröge Kalkleisten in den Bann zu ziehen und sämtliche Hemmungen abzuwerfen.

Wohlgemerkt, wir waren die einzigen Weißen an diesem Morgen!

Zwischenzeitlich war unter lautem Jubel auch der Pastor - Typ Kleiderschrank - mit der so bezeichneten First Lady eingetroffen. Außerdem auffallend viele junge Mütter mit ihren rausgeputzten Säuglingen und Kleinkindern. (Bis heute habe ich keine Antwort auf meine Frage, warum diese Kleinen bei all dem Lärm völlige Ruhe bewahrten?).

Nachdem wir uns endlich hinsetzen durften, wobei das Stehen auch nicht unangenehm war, kurze Begrüßung durch den Pastor, Gebet und anschließende Zusammenstellung des Gemeindechores. Das Aufrufen jedes einzelnen Sängers wurde von der Gemeinde wieder beklatscht bzw. ausgiebig, mit großer Fröhlichkeit, kommentiert, wobei sich jeder Sänger erst einmal zierte und meinte, dass es doch wohl noch bessere Sänger als ihn gebe!

Als der Chor dann stand, bestehend aus 12 Frauen und 2 Männern, was auch in etwa der Geschlechterverteilung in der Gemeine entsprach, wurde unter der Leitung einer ganz jungen Dirigentin die ganze hohe Schule des Gospelgesangs zelebriert. Wieder gut 30 Minuten lang. Wer wollte sang mit, andere nutzen die Gelegenheit in oder neben den Stuhlreihen Swing (!) zu tanzen!

Der 15jährige Drummer war ein ausgezeichneter Begleiter und der 11jährige nahm sich ungescholten die Freiheit über allem zu improvisieren bzw. der Gemeinde zu zeigen, was er schlagzeugtechnisch schon drauf hatte, das musste dann nicht unbedingt auch passen, was wiederum seinen älteren Freund in Lachkrämpfe verfallen ließ!

Wirklich unglaublich wurde es jedoch, als der Pastor dann seine rote Les Paul E-Gitarre anschloss und in bester Tradition eines B.B.King alles noch weiter aufheizte! Ich wusste schon lange nicht mehr wo ich überhaupt war? Nebenbei gesagt, habe ich diesmal in New York City 11 (!) Konzerte des "Black February 2005-Festivals" bzw. der "Black History Month Celebration" mitgenommen, aber was hier geboten wurde, werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen!

Stra‹enschild In der anschließenden Predigt unter dem Thema "As We Remember Our Past, We Focus On Our Future", ging es dann auch um die Black History bzw. dem African Burial Ground und die damit eng verbundene 150jährige Geschichte des Harlem Gospel Temple. Gemeindemitglieder aller Altersstufen trugen ihre persönlichen Bekehrungs-Geschichten vor bzw. gaben sehr bewegende Zeugnisse davon ab wie glücklich sie seien, dieser Gemeinde anzugehören!

Nach gut 3 Stunden, die uns in keinster Weise als zu lang erschienen, wussten wir in etwa was unter Service (Anm. d. Red: Gottesdienst) zu verstehen ist!

Wirklich tief bewegt davon, zu sehen, dass scheinbar alle überglücklich, und aufgetankt für den Alltag, den Gottesdienst verließen, hatten auch wir das Gefühl gesegnet den Rest des Tages verbringen zu können!

Kurz noch eine Anmerkung zur Kleiderordnung. Alles war erlaubt! Ich habe dort, besonders bei den Frauen natürlich, gesehen, was an Eleganz, was an Hutmode, was an Frisuren, war an Festtagskleidung möglich und machbar ist. Aber es gab auch genug die in Jeans und Rollkragenpullover kamen! Also, für den Besuch des Harlem Gospel Temple braucht man keinen zweiten Koffer!

Obwohl ich erst zum 2. Mal in New York war, denke ich, dass ein Besuch solch eines Gospel-Gottesdienstes sicherlich zu dem Top Ten dieser wunderbaren Stadt und dieses erkundungswerten Stadtteils gehört!

Für die, die Lust auf mehr haben und vielleicht auch einmal ein bisschen von diesem Segment der Black History kennen lernen wollen, die Location findet ihr genau an der Ecke Fifth Avenue/127th Street. Es gab jedoch noch den Hinweis, dass es wegen anstehender Baumaßnahmen ab März 2005 erst einmal in einer Interim Lokation 2242 2nd Ave. (zwischen 115th & 116th Street @ 2nd Avenue) weitergehen soll! Also vorher mal nachsehen! Liegt ja alles nicht allzu weit auseinander.

Und, wenn ich es richtig verstanden bzw. notiert habe, trifft sich der Open Adult Choir unter dem Motto "Make Your Request Known" auch innerhalb der Woche. Warum nicht da mal reinhören!?

Für die, die wenn schon einmal dort oben, sich auch noch etwas von den recht günstigen Gourmet-Tempeln dieser Gegend verführen lassen wollen, hier noch drei kurze, wie immer, ganz persönliche Empfehlungen.

Das "Jesus Taco" bei Lust auf Tex-Mex-Food für satt, frisch und lecker und günstig und nette Leute die sofort Gesprächskontakt suchen.

Bei lahmen Füßen, als südlichste Oase einkehren in "Manna's Soul Food & Salad Bar", frischer geht nicht!

Bei Lust und Hunger auf Soul Food, Fisch und Buffet zu "Manna's Too". Himmlisch: Der saftige, ausgemachte Schokoladenkuchen (ein riesiges Stück $ 2).

Auf Details einzugehen würde einige weitere Seiten bedeuten! Trotzdem will ich noch erwähnen, dass wir, obwohl wir mehrmals die einzigen anwesenden Weißen waren, immer ganz normal bis freundlich behandelt worden sind! Es gab für uns, zumindest während der hellen Tageszeit und sicherlich 10 km kreuz und quer durch Harlem, niemals das Gefühl von spürbarer Feindseligkeit oder irgendwelcher Nöte!

Freut euch auf's Entdecken dieses wunderbaren Stadtteils!

Adressen:

Gospel Temple - Church of America
Map
2056 5th Avenue, New York, NY 10035-1513


Gospel Temple - Church of America
Map
2242 2nd Avenue, New York, NY 10029-2202 (eventuelle temporäre Location)


Map
1556-1554 Minford Place, (718) 328-3010


Jesus Taco
Map
501 West 145th Street, New York, NY 10031-5132


Manna's Soul Food & Salad Bar
Map
2331 Frederick Douglass Blvd, New York, NY 10027-3627


Manna's Too
Map
486 Lenox Avenue, New York, NY 10037-2420


© 2000-2017 by Marion Reichwein & Thomas Reichwein
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